Psychische Traumatisierung durch den Zweiten Weltkrieg

Die Basis dieser Darstellung ist eine Studie von Carsten Stein zu Aspekten transgenerationaler Weitergabe von Traumata in der Familiengeschichte von deutschen Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Der 1. Teil befaßt sich mit den Familiengeschichten deutscher Vertriebener, der 2. Teil mit den Erben des Schweigens.

Wir kennen in der BRD das Phänomen einer ausgesprochen selektiven Gedenkkultur, innerhalb derer sich angebliche und tatsächliche Opfer deutscher Gewalt genau und ausführlich an Details erinnern und diese wiederholt öffentlich in den Medien und Schulen erzählen. Die deutschen Opfer von Krieg, Flucht und Austreibung aber schweigen. Das Schweigen war in den Jahren der Not 1945 – 1950 eine psychologische Verdrängungsleistung, die das Überleben forderte. Später wollte die Erlebnisgeneration über das Erlebte sprechen, doch die nachfolgende Generation, gefangen im Wirtschaftswunder, wollte davon nichts hören: „Ach du mit deinen alten Geschichten.“ Immerhin hatte diese Generation noch eine dunkle Ahnung von den Greueltaten bei der Vertreibung und in den Gefangenenlagern. Die Enkel stellten schon keine Fragen mehr und gerieten unter das verordnete Geschichtsbild zu der Auffassung: „Die Deutschen waren Täter, keine Opfer!“ Angesichts dieses Pauschalvorwurfes schwiegen die Alten weiter. Noch waren viele von ihnen im Arbeitsprozeß und es ist ein Faktum, daß gerade die Heimatvertriebenen zu den fleißigsten Stützen des „Wirtschaftswunders“ gehörten. Erst als sie nicht mehr gebraucht wurden, der Tag nicht mehr mit Arbeit ausgefüllt war, trat das Verdrängte wieder in das Bewußtsein und führte zu oft zu schweren Traumareaktionen.

50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges begannen deutsche, besonders aber auch internationale, Historiker und Schriftsteller auf die Dimension der Verbrechen am deutschen Volk hinzuweisen. Das hatte ein vorsichtiges Erinnern an Vertreibungsverbrechen, Rheinwiesenmord und Bombenterror zur Folge, begleitet mit den wütenden Protesten jener, die jegliche Revision am zementierten Geschichtsbild verhindern wollen. Interessant ist auch eine zunehmend selbstkritische Betrachtung der zweiten Nachkriegsgeneration in den Vertreiberstaaten, was sich etwa in dem alljährlichen Brünner Gedenkmarsch tschechischer und deutscher Jungendlicher zum Brünner Todesmarsch 1945 manifestiert. Nun aber ist die Erlebnisgeneration fast ausgestorben. Viele haben das Wissen über die Grausamkeiten in das Grab genommen, manche haben ihr Wissen aufgeschrieben (siehe Literaturliste). Doch Bücher sind geduldige Zeitgenossen, manchmal warten sie viele Jahre bis sie unsere Aufmerksamkeit finden, andere verstauben ungelesen in den Regalen.

Die Zeit bleibt nicht stehen und auch heute gibt es Krieg, Massenmord, Flucht und Vertreibung, was jedoch von der offiziellen Propaganda plötzlich sehr stark thematisiert wird, allerdings mit wirtschaftlichen Motiven hinter der vorangestellten humanitären Attitüde. Zugleich erfahren wir, daß die heutigen sogenannten Flüchtlinge kaum etwas mit den Flüchtlingen 1945-1950 und Aussiedlern 1950 -1970 zu tun haben.

Die Erben des Schweigens

Ein erstaunlicher Aspekt ist die Vererbung der Traumata an die folgende Generation. Das Tabu der Vergangenheit, die „Unfähigkeit der Eltern, ihre Vergangenheit anzuschauen“, führt die Kinder vielfach in die Therapie. „Psychische Erkrankungen wie „Borderline“ als Folge extremer Ängste und Verlassenheitsgefühle in den ersten Lebensjahren oder der durch die Mangelerfahrung und den Hunger entwickelte Drang, alles zu sammeln und aufzuheben sind äußerliche Zeichen dafür, daß im Innern der Kriegskinder vieles durcheinander ist. Jetzt, im Alter, leiden die Kriegskinder darunter, daß ihre eigenen Kinder längst nicht so tüchtig und durchsetzungsfähig sind wir ihre eigene Generation“ […] Alberti (2014) stellt damit zu Recht fest: „Die Kinder der Kriegsgeneration blieben von den realen Schrecken des Krieges verschont, in der äußeren Welt herrschte Frieden, nicht aber in der inneren, seelischen Welt.“

Ein weiterer Aspekt ist die Tatsache, daß viele Menschen in West- und Mitteldeutschland ihre Wurzeln in Ostdeutschland haben, ohne es zu wissen. Bei den Enkeln ist das Wissen verloren gegangen. Das „Abreißen der Tradition“ hat dazu geführt, daß es keinen Meinungsaustausch zwischen Enkeln und Großeltern mehr gab. Die Generationen leben in Parallelwelten. Die Kinder der Vertriebenen wußten noch davon, sprachen aber nicht darüber. Da ist es ein merkwürdiges Erlebnis zu erfahren, daß die Oma in „Olsztyn“ geboren ist. Wo ist das? In Polen? Der Enkel fragt sich, ob er polnische Vorfahren hat. In der Schule wird nichts davon gelehrt, daß Olsztyn eigentlich Allenstein heißt und bis 1945 deutsch war; daß Allenstein 1353 nach Kulmer Stadtrecht gegründet und seit 1772 zu Preußen (Ostpreußen) gehörte. Wenn sich der Enkel aufmachen würde nach Allenstein zu fahren, würde er dort noch die vielen roten Backsteinhäuser aus deutscher Zeit sehen, das Schloß und die großen Kirchen, die allesamt in deutscher Zeit erbaut wurden. Er wird vielleicht auf der Fahrt durch das Ermland und Masuren ein eigenartiges Gefühl bekommen, sich hier wie zuhause zu fühlen, denn die Landschaften sind wie Träume in der Seele eingebettet (Rilke).
Diese Seite hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur an die Vertreibungsopfer zu erinnern, sondern auch das Bewußtsein für den deutschen Osten und seiner gewaltigen Kulturleistung wachzuhalten. „Zurück zu den Wurzel“ und auf den „Spuren der Ahnen“ ist die Forderung des 21. Jahrhunderts, das nur noch die Entwurzelung und totale Kommerzialisierung zu kennen scheint. Wer seine Wurzeln kennt, wird sich von den Globalisierern nicht mehr wie das Reiskorn im Sieb herumschütteln lassen.

 

Anhang: Literaturliste

Literaturliste (erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit)

    • Alberti, Bettina 2014. Seelische Trümmer. Geboren in den 50er – und 60er-Jahren: Die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas. 7. Auflage. München: Kösel
    • Bacque, James 2006. Verschwiegene Schuld. Die alliierte Besatzungspolitik in Deutschland nach 1945. Selent: Pour le Merite – Verlag für Militärgeschichte.
    • Baer, Udo & Frick-Baer, Gabriele 2012. Wie Traumata in die nächste Generation wirken. Untersuchungen, Erfahrungen, therapeutische Hilfen. Neukirchen-Vluyn: Semnos.
    • Baer, Udo & Frick-Baer, Gabriele 2015. Kriegserbe in der Seele. Was Kindern und Enkeln der Kriegsgeneration wirklich hilft. Weinheim: Beltz.
    • Bode, Sabine 2013a. Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen.
      10. Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta.
    • Bode, Sabine 2013b. Kriegsenkel: Die Erben der vergessenen Generation. 5. Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta.
    • Bode, Sabine 2016. Kriegsspuren. Die deutsche Krankheit: German Angst. Stuttgart: Klett- Cotta.
    • Brähler, Elmar, Decker, Oliver & Radebold, Hartmut 2004. Ausgebombt, vertrieben, vaterlos – Langzeitfolgen bei den Geburtsjahrgängen 1930-1945 in Deutschland. In Radebold (Hg.) 2012, 111-136.
    • Czwalina, Johannes 2013. Das Schweigen redet. Wann vergeht diese Vergangenheit. Moers: Brendow.
    • Huber, Florian 2015. Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945. Berlin: Berlin Verlag.
    • Jacobs, Ingeborg 2014. Freiwild. Das Schicksal deutscher Frauen 1945. 8. Auflage. Berlin: List Taschenbuch.
    • Keller-Domatsch, Inge, 2013, Wir aber mußten es erleben – Erinnerung an Ostpreußen bis zur Vertreibung, Riesa: Nation&Wissen
    • Kossert, Andreas 2008. Kalte Heimat: Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945. München: Siedler.
    • Lasner-Tietze, Cordula 1998. Das Verschweigen der Erfahrung von Flucht und Vertreibung und deren Auswirkungen auf die nachfolgende Eltern-Kind-Beziehung. Diplomarbeit an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialarbeit Dresden.
    • Lorenz, Hilke 2012. Weil der Krieg unsere Seele frisst. Wie dunkle Flecken der Vergangenheit bis heute nachwirken. Berlin: Ullstein.
    • Von Münch, Ingo 2013. Frau, komm! Die Massenvergewaltigung deutscher Frauen und Mädchen 1944/45. 3. Auflage. Graz: Ares.
    • Nawratil, Heinz 2013. Schwarzbuch der Vertreibung 1945 – 1948. Das letzte Kapitel unbewältigter Vergangenheit. 15. Auflage. Wien: Universitas.Radebold, Hartmut (Hg.) 2012. Kindheiten im Zweiten Weltkrieg und ihre Folgen. 3. Auflage. Gießen: Psychosozial-Verlag.
    • Radebold, Hartmut, Bohleber, Werner & Zinnecker, Jürgen (Hg), 2009. Kinder des Krieges. Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten: Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen. 2. Auflage. Weinheim: Beltz Juventa.
    • Roberts, Ulla 2003. Starke Mütter – ferne Väter. Über Kriegs- und Nachkriegskindheit einer Töchtergeneration. Gießen: Psychosozialverlag.
    • Röhl, Klaus Rainer 2011. Verbotene Trauer. Die vergessenen Opfer. 4. Auflage. München: Universitas.
    • Spatz, Christopher 2016. Ostpreußische Wolfskinder. Erfahrungsräume und Identitäten in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Osnabrück: Fibre.
    • Spatz Christopher 2018 „Heimatlos“ – Friedland und die langen Schatten von Krieg und Vertreibung, Ellert & Richter Verlag Hamburg, ISBN 978-3-8319-0728-1
    • Spatz Christopher 2016 „Nur der Himmel blieb derselbe“ – Ostpreußens Hungerkinder erzählen vom Überleben, Ellert & Richter Verlag Hamburg, ISBN 978-3-8319-0664-2, 4. Auflage 2019 spatz@preussische-denkfabrik.de
    • Trilling, Angelika 2004. Blinde Flecken im Umgang mit dem Erinnern in Deutschland. In Radebold (Hg.) 2012, 199-210.
    • Ustorf, Anne-Ev 2010. Wir Kinder der Kriegskinder. Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs. Freiburg: Herder Spektrum.
    • de Zayas, Alfred 2001. Heimatrecht ist Menschenrecht. Der mühsame Weg zu Anerkennung und Verwirklichung. München: Universitas in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung.
    • de Zayas, Alfred 2006. Die deutschen Vertriebenen. Keine Täter – sondern Opfer. Hintergründe. Tatsachen. Folgen. Wien: Ares.